Prolog
Vorgeschichte
Die Aufstellung
Das Inferno
Der letzte Akt
Danach
Hostellerie
   Sehenswuerdigkeiten
Waterloo-Meeting
H.E.K.Creativ Verlag
Gaestebuch
Impressum

Die Aufstellung der Truppen

Französischer Ehrengardist

"Der schönste Anblick meines Lebens", soll der englische General und Oberbefehlshaber Wellington beim Anblick der Aufstellung der "farbenprächtigsten Armee der Welt" gesagt haben. Doch die 74.000 Franzosen, die nach tagelangen Gewaltmärschen und den schweren Gefechten um Charleroi, bei Ligny und Quatre-Bras am Morgen des 18. mit 246 Geschützen nur eintausend Meter vor der britischen Front auf der Anhöhe von Belle Alliance Aufstellung nahmen, bildeten, aus der Nähe betrachtet, durchaus keine farbenprächtige Armee mehr. Die endlosen Reihen, die sich formiert hatten, waren nur noch eine übelriechende, von Kot und Schlamm verkrustete Menschenmasse, die seit Tagen nicht aus ihren Uniformen gekommen war und im nassen Dreck der Brabanter Äcker biwakiert hatte. Auch die fast 68.000 Verbündeten auf der gegenüber liegenden Anhöhe des Mont-St.-Jean, die durch ein sanftes, sich auf neunzehn Meter senkendes Tal vom Gehöft La Belle Alliance und seiner Anhöhe getrennt wurden, hatten ebenfalls zum großen Teil in den vorhergehenden Tagen den Vorhof zur Hölle durchschritten. Die letzten Tage und Nächte bei niedrigen Temperaturen, Wind und Dauerregen hatten ein reguläres Biwak unter freiem Himmel unmöglich gemacht. Die Menschen, die auf beiden Seiten mit der endlich aufgehenden Sonne Stellung bezogen, waren durchnäßt, durchgefroren, übermüdet und hungrig. Der bei den Engländern vor Beginn der Schlacht ausgeteilte übliche Becher Gin reichte nicht mehr aus, ihre Erschöpfung zu besiegen...Kaum jemals zuvor hatten Soldaten vor einer großen Schlacht so wenig Gelegenheit gehabt, Ruhe zu finden und sich zu stärken, um dann das Tor zur Hölle mit Vehemenz aufzustoßen. Dennoch, selbst wenn diese Menschenmassen, die sich trafen zu morden, gewußt hätten, was für ein Grauen sich auf diesem Feld bald abspielen würde, sie stünden trotzdem hier. Die Motivationen waren auf beiden Seiten gleich: Verklärte Vaterlandsideologien als Folge mangelhafter Aufklärung, generationenlange Feindbildmalerei, Erbfeindschaft, Haß, Patriotismus und Heros. Man war der stolze Sohn seines Vaterlandes und hatte eine eherne Pflicht zu erfüllen. Nur die Wenigsten konnten lesen und schreiben. Auf den Hügeln vor Waterloo trat die Unaufgeklärtheit in Tausenden von Reihen an. Und diese Unaufgeklärtheit war folglich bar jeder Opposition gegenüber ihrer Obrigkeit - und deren Demagogen hatten sie sich zunutze gemacht. Die Masse, die an diesem schrecklichen Sonntag die blitzenden Bajonette aufpflanzte, wurde ausgenutzt, mißbraucht, verraten und mußte am Ende den Tribut für ihren willenlosen Gehorsam mit ihrem eigenen Blut bezahlen. Sie war dazu bereit. Als der dickleibige und kranke französische Kaiser auf seiner weißen Stute "Desirée" würdevoll die Front seiner Getreuen entlangritt, begleitete ihn aus seinen Reihen donnernder Applaus. Der Mythos seiner dämonischen Person, die endlich von Elba zurückgekehrt war, die gehaßten Bourbonen zu verjagen und Frankreich seine Größe, Stärke, Unabhängigkeit und Freiheit zurückzugeben, hatte noch immer jene geheimnisvolle Faszination, mit der er in der Lage war, Massenheere zu bewegen, ganz Europa in Brand zu stecken. "Liberté, Égalité und Fraternité" stand noch immer auf den Standarten - patriotische Parolen. Doch wo war die Gleichheit, die Brüderlichkeit und vor allem - wo war die Freiheit wirklich? Niemand konnte in diesem schweren Moment der Weltgeschichte aus den Reihen ausscheren und fortgehen, wieder heimkehren zu seiner Familie, seine Kinder in die Arme schließen oder zurückkehren auf seinen Acker, um ihn zu bestellen... Ein großer Teil der finsteren Männer unter den harten Ledertschakos und den dicken Bärenfellmützen war bereits mehrfach verwundet, doch sie waren ihrem Imperator immer wieder über die Schlachtfelder, die seinen Ruhm und seine Macht vergrößerten, gefolgt - bis zu diesem Tag. Die Armee war die Heimstätte der alten Kämpfer geworden. Sie fanden sich längst nicht mehr zurecht in der unsicheren Welt der Zivilisten. Auch die jungen Garden verstanden nichts von Industrie, Wirtschaft, Banken- und Finanzwesen, und im Wandel der Zeit, dem Anbrechen eines neuen Zeitalters, fürchteten sie die sozialen Schwierigkeiten mehr als den Tod. Außer der Armee gab es für sie keine Perspektive. Die Zukunft dieser Menschen war das Heute. Sie schliefen lieber im Kollektiv und am Rande der Heerstraßen im Dreck, als einsam und anonym auf den harten Trottoires der Großstädte. Und so galt es auch an diesem Tag, den Feind zu vernichten, um seinem Leben und seiner Existenz wenigstens einen Sinn zu geben. Sie lebten und starben für eine Idee, die ein anderer hatte. Napoléon gab ihnen noch einmal die Chance für eine, wenn auch zweifelhafte, Zukunft. Die alten Garden wußten das. Der Orden der "Légion d'Honneur" war ihre Motivation, der kleine blasse Mann auf dem weißen Pferdchen ihr Universum. Mit den Rufen "Vive l'Émpéreur!" und "Pour la France!" heizten sie ihre Emotionen an. Für Frankreich selbst gab es angesichts der an seinen Grenzen aufmarschierten, erdrückenden militärischen Übermacht eigentlich nichts mehr zu gewinnen, nur für den eigenwilligen Usurpator, der während seiner Herrschaft Europa gleichermaßen Unglück wie wichtige soziale Errungenschaften gebracht hatte. Es sollte das letzte Mal in seinem Leben sein, daß er versuchte, den Wahnsinn zu seinen Gunsten heraufzubeschwören - an diesem schicksalhaften Sonntagmorgen des 18. Juni 1815... Die dreihundert 12- bis 15-jährigen Trommlerjungen, die von ihren Familien aus sozialer Not zur Armee geschickt worden waren und an den Flanken der schier endlos erscheinenden Schützenreihen standen, um bald die Kolonnen mit dröhnendem Hall in die Apokalypse zu führen, machten sich diese Gedanken nicht - es gab auch viel zu wenige von ihnen, die zweimal dabei waren. Ihr trauriger Ruhm war meistens nur kurz... Angesichts der politischen Situation und der militärischen Übermacht der verbündeten Armeen, die ganz Frankreich umstellt hatten, stellte dieses gewaltige und höchst zweifelhafte militärische Unternehmen lediglich einen verzweifelten Versuch dar...

Dragoner der Kaiserin

Auf der britischen Seite, beziehungsweise der Seite der verbündeten Armeen, sah es anders aus. Hier war nicht überstürzt und improvisatorisch zusammengetrommelt worden, hier bestand ein altes und ausgereiftes System. Die Armeen, die von adeligen Offizieren geführt wurden, rekrutierten sich inzwischen überwiegend aus erfahrenen Berufssoldaten. Erst in der letzten Phase, als man wußte, daß Bonaparte, der in Acht erklärte Ruhestörer Europas, wiedergekommen war, hatte man noch eilig einige tausend Schwerverbrecher aus englischen Zuchthäusern geholt, denen man versprochen hatte, sie nach diesem Feldzug zu amnestieren. Die französische Armee hingegen war von Napoléons Kriegsminister, Marschall Louis Nicolas Davout, in nur wenigen Wochen quasi aus dem Boden gestampft worden. Zu viele zu junge und unerprobte Männer standen hier unter Waffen. Manche hatte man in Ketten von den elterlichen Anwesen geschleppt. Aber Frankreich war nach zwanzig Jahren Krieg ausgeblutet und die erfahrenen Kämpfer fast alle längst "verheizt". An diesem Tag breitete der napoléonische Adler zum letzten Mal seine Flügel aus, bereit, alles, aber auch alles in den Schmelztiegel zu werfen, was das Land noch hergegeben hatte...
Und während man wartete, daß das nasse Erdreich in der wärmenden Juni-Sonne soweit auftrocknete, daß man endlich manövrierfähig war, bezogen die letzten Posten unter den Klängen der "Marseillaise" ihre Positionen an der etwa vier Kilometer langen Front. Was man auf der gegenüber befindlichen Seite, jener der Alliierten, nicht wußte, war, daß das Waterloo-Abenteuer des französischen Imperators hauptsächlich von englischen Banken finanziert wurde...

 

Die Aufstellung der Armeen:
W = Wellington und dessen verbündete Truppen bezogen auf dem sich vom Gehöft Hougoumont bis zum fünf Kilometer entfernten Dorf Ohain erstreckenden Höhenzug des Mont-St.-Jean eine Defensiv-Stellung. Die Gehöfte Papelotte und La Haie Sainte sowie der Gutshof Hougoumont bildeten dabei seine drei Stützpunkte, von denen La Haie Sainte den vorrückenden französischen Truppen als vorgeschobener Posten mit der Möglichkeit eines beiderseitigen Querfeuers besonders gefährlich werden sollte... Sowohl Papelotte wie auch Hougoumont sollten als befestigte Stützpunkte einer Umgehung der Verteidigungslinie durch die Franzosen entgegenwirken.
N = Napoleon bezog auf der anderen Seite eines sich bis auf 19 Meter senkenden, flachen Tals auf der Anhöhe von Belle Alliance mit seiner Armee Stellung. Er konzentrierte sein Hauptpotential im Zentrum seiner rund viereinhalb Kilometer breiten Angriffsfront und sicherte gegen Osten seinen rechten Flügel vorsorglich gegen einen befürchteten Flankenangriff durch die Preußen - die noch irgendwo herum marschierten...