Prolog
Vorgeschichte
Die Aufstellung
Das Inferno
Der letzte Akt
Danach
Hostellerie
   Sehenswuerdigkeiten
Waterloo-Meeting
H.E.K.Creativ Verlag
Gaestebuch
Impressum

Das große Inferno 1

Hatte Napoléon doch schon selbst davon gesprochen, daß sein Glücksstern am Versinken war, so sollte der Donner der Kanonen vor Waterloo an diesem Tag zum tragischen Schwanengesang seines untergehenden Kaiserreichs werden... Das französische Desaster hatte sich bereits gleich zu Beginn des Tages mit einer Verkettung unglücklicher Umstände angebahnt: Es begann damit, daß die Landkarten, die Napoléon zur Lagebesprechung im La Belle Alliance ausbreiten ließ, fast zwanzig Jahre alt und unvollständig waren - der Gutshof Hougoumont, Wellingtons strategisch wichtiger, rechter "Eckpfeiler", und der vorgelagerte, große Erlenwald waren darauf gar nicht verzeichnet... Napoléon setzte seinen Hauptangriff für kurz nach 13.00 Uhr an und befahl, daß der erste Sturm gegen die Linien der Verbündeten an der linken Flanke seines rechten Flügels durch General d'Erlons I. Korps stattfinden sollte, doch infolge eines Mißverständnisses ließ Napoléons Bruder Jêrome eigenmächtig und viel zu früh seine 3.000 Infanteristen um 11.30 Uhr die den Wald vor dem Gutshof verteidigenden hannoverschen und nassauischen Truppen angreifen - ohne ebenfalls Kenntnis von dem dahinter befindlichen und zu einem Fort ausgebauten Gebäudekomplex zu haben. So begann die Schlacht auf französischer Seite völlig unplanmäßig - und die Katastrophe nahm von nun an ihren Lauf... Napoléon, der die ersten Kanonenschüsse der Alliierten von seinem linken Flügel herüberhallen hörte, sah sich nun gezwungen, seinen Hautangriff früher als geplant zu beginnen - trotz des noch viel zu nassen Erdbodens... Um 11.35 Uhr wurde das Inferno von neunzig Kanonen der französischen Grande Batterie des Generals Drouot donnernd und mit dem bis dahin größten Trommelfeuer der Weltgeschichte eröffnet. In dem Moment, da die ersten Salven brüllend und heulend in die dicht an dicht und Reihe hinter Reihe stehenden Phalangen der Verbündeten ihre Breschen fraßen, schrieb der vor zwei Tagen von den Franzosen bei Ligny zurückgeworfene preußische Feldmarschall Blücher von Wavre aus einen Brief, in dem er den Engländern mitteilte, daß er zum Schlachtfeld eilen und die Franzosen in ihrer rechten Flanke angreifen werde. Der 72-jährige preußische Revanchist, der stolz den Beinamen "Marschall Vorwärts" trug, trieb daraufhin seine übermüdeten Truppen zu neuen Marschleistungen an, um sein Versprechen einzuhalten. Obwohl nach einem schweren Sturz mit seinem Pferd zwei Tage zuvor bei Ligny, und unter erheblichen Schmerzen, würde er zwar noch spät, doch aus militärischer Sicht betrachtet, nicht zu spät das "Feld der Ehre" erreichen, um den entscheidenden Schlag zu führen. Einen Schlag, der allein mehr als zehntausend Menschen das Leben kosten sollte - doch viele seiner Soldaten starben schon auf dem Weg dorthin... Anders der französische Marschall Grouchy, der zu Beginn der Schlacht nur wenige Kilometer entfernt stand. Er sollte den bei Ligny zurückgedrängten Blücher mit 33.000 Soldaten verfolgen und ein Zusammentreffen der Preußen mit den anderen verbündeten Armeen vereiteln. Ihm warfen die Chronisten später vor, er sei unfähig gewesen und hätte, wäre er rechtzeitig zur Kanone geeilt, den Ausgang der Schlacht noch zugunsten Frankreichs beeinflussen können. Doch er war der Mann, dem durch sein Zögern noch Tausende ihr Leben verdanken sollten. Vielleicht wußte er längst, daß dieses französische Abenteuer gegen eine insgesamt millionenstarke Übermacht ohnehin von vornherein verloren war. Mit seinen 33.000 Soldaten hätte er die Uhr der Weltgeschichte eine Zeitlang langsamer, nicht aber zurückstellen können. Als er den Donner der Kanonen aus der Ferne grollen hörte und ihn seine Generäle Vandamme und Gérard flehentlich baten, zur Hauptmacht zu stoßen, speiste er genüßlich Erdbeeren mit Schlagsahne...

"Verfolgen Sie die Preußen und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Greifen Sie sie an, und vereiteln Sie unbedingt deren Vereinigung mit Wellingtons Hauptstreitmacht!" So hatte Napoléons Befehl an Marschall de Grouchy (Bild links) am Morgen des 17. Juni gelautet. Doch Grouchy hatte den Kontakt zu den Preußen schon am selben Tag verloren. Trotz des Drängens seiner Generäle, "zur Kanone zu rücken", als der Schlachtenlärm von Waterloo aus der Ferne hörbar wurde, blieb Grouchy dabei, seine Order zu befolgen - allerdings weder intelligent noch gewissenhaft...

Inzwischen rodeten die Franzosen durch eine Dauerkanonade das dreihundert Meter lange und ebenso breite Erlenwäldchen, das sich vor dem am äußersten linken Flügel der Franzosen und dem Hougoumont vorgelagerten Obstgarten befand. Von den im riesigen Gutshof verschanzten Engländern, Nassauern, Hannoveranern und Lüneburgern wußte sie noch nichts, und so sollte sich dieser Angriff zu einer Schlacht in der Schlacht und zu einer eigenen Katastrophe entwickeln... Auf der ganzen Breite der Front brüllten nun die französischen Kanonen die Offensive heraus. Über zwanzig Minuten fegte der tosende, eisene Orkan über die Hügel des Mont-St.-Jean dahin. Dann setzten sich die ersten Reiterwellen der Franzosen in Bewegung...

Die französische Kavallerie wälzte sich bei ihrem ersten Angriff mit 3.000 Reitern durch das flache Tal und den Mont-St.- Jean hinauf...

Die Waffentechnik der damaligen Zeit bedingte, daß die sich beschießende Infanterie bis auf teilweise nur zehn Meter an den Gegner herankommen mußte. Man kämpfte, indem immer die erste Reihe vortrat, feuerte, niederkniete, die nächste und übernächste Reihe vorbeizog, während man wieder lud, dann durch die anderen Knieenden wieder nach vorn trat und so weiter. Es war auch notwendig, bedingt durch die schlechte Treffsicherheit der Schußwaffen, daß die Soldaten reihenweise gleichzeitig schossen. Folglich brachte gerade diese enge Kampfweise augenblicklich massenhaft Verluste. Das Weiße in den Augen des Gegners sehend, feuerte man die letzte Salve, dann ging es mit gefällten Bajonetten und stoischem Marsch zum grauenhaften Nahkampf über. Die langen Klingen der Winkelbajonette und Faschinenmesser bohrten sich knirschend durch die Uniformen und in die Leiber der Gegner, möglichst in Hals und Unterleib. In breitem Strom wälzte sich die Masse der Franzosen vom Hügel Belle Alliance herab, durch das flache Tal, vorbei am Gehöft La Haie Sainte, das im Zentrum der Front lag und von der hannoverschen Kings German Legion befestigt und verteidigt wurde. Welle auf Welle der vorwärtsstürmenden französischen Kavallerie umspülte den sofort heftig umkämpften Hof, in den gleichzeitig französische Infanteristen einzudringen versuchten. Auf dem Höhenrücken des Mont-St.-Jean angekommen, scheiterte der erste Angriff der Kavallerie am massierten Schützenfeuer der verbündeten Truppen. Die Welle der Angreifer flutete zurück, um sich neu zu formieren. Kurz nach 13.00 Uhr erreichte die schwere französische Reiterei auf ihrem rechten Flügel den mehr als einen Kilometer langen Hohlweg, der sich mit einer Tiefe und Breite von bis zu vier Meter von der Sandgrube an der Brüssler Chaussee kommend bis zum Dorf Ohain hinzieht. Die Brigade General Travers stieg unter unsäglichen Mühen für Pferde und Reiter und unter dem englischen Schützenfeuer die steilen Abhänge auf ihrer Seite des Hohlwegs hinab und auf der britischen wieder hinauf. Oben angekommen, wurde sie sofort von der englischen Kavallerie bestürmt und wieder zurückgedrängt. Die Lawine der Franzosen stürzte in den Hohlweg zurück, verfolgt vom 2. Leibgarde-Regiment der Engländer. Das Schreien der übereinanderstürzenden, sich tretenden Pferde, der kämpfenden Menschen, das Schießen und Säbelklirren steigerten das Chaos zu einer Apokalypse. Die Überlebenden des mörderischen Ringens bis zum Ende des Hohlwegs an der Brüssler Straße erwartete dort in der benachbarten Sandgrube das Gros der eben attackierten englischen Kavallerie, die auf die größtenteils zu Fuß Kommenden einschlug. Es kam zu einem grauenhaften Säbelkampf. Beim der Sandgrube schräg gegenüberliegenden Gehöft La Haie Sainte tobte, ähnlich wie inzwischen auch beim Gutshof Hougoumont, bereits eine eigene Schlacht. Das Grauen fraß sich über die am Morgen noch mannshoch wogenden Kornfelder, über die Mauern des alten La Haie Sainte, bis in seinen Innenhof, in dem schnell die ersten Verwundeten und Toten die runden Pflastersteine bedeckten.

Am Abend des 17. Juni hatten die vom kalten Regen völlig durchnäßten hannoverschen Soldaten im Gehöft La Haie Sainte das große hölzerne Tor der Scheune im Innenhof des Anwesens verheizt, um sich etwas trocknen und wärmen zu können. Als am 18. Juni die Schlacht eskalierte und das Anwesen angegriffen wurde, hatten die Hannoveraner nun größte Mühe, außer der normalen zwei anderen Eingänge auch die offene Scheune zu verteidigen...

Gegen 14.00 Uhr erteilte der junge und hitzige Prinz von Oranien den Lüneburgern der Brigade Kielmansegg den Befehl, den im La Haie Sainte von den Franzosen eingeschlossenen Truppen General Barings zu Hilfe zu eilen. Doch die heranrasenden Kürassiere Milhauds schlugen die Schützenschwärme derart zusammen, daß sie an diesem Tag nicht mehr geschlossen eingesetzt werden konnten. Daraufhin fielen die englischen Reiterbrigaden Lord Somerset's und Lord Ponsonby's über die dicht gedrängte französische Reiterei her...
Niemals zuvor war das Kampfgeschehen derart eng, schnell und grausam wie bei Waterloo, auch trafen niemals zuvor so viele Kämpfer auf so engem Raum aufeinander - und nie zuvor waren die Verluste so groß. Inzwischen tobte der Kampf um den Gutshof Hougoumont immer heftiger. Die angreifenden Franzosen, die sich durch den von der Artillerie völlig verwüsteten Wald bis an die den großen Obstgarten des Gutshofs umgebende zwei Meter hohe Mauer herangekämpft hatten, mußten schwerste Verluste hinnehmen. Die Verteidiger feuerten gezielt aus den Schießscharten des vor Jahrhunderten als widerstandsfähige Festung angelegten Gebäudekomplexes und der umgebenden Mauer und über diese hinweg. Diese in ihrer Existenz den Angreifern unbekannte festungsähnliche Mauer stoppte ihren Angriffsschwung. Ihnen standen weder Leitern zum Übersteigen noch Pulver zum Sprengen zur Verfügung, und die Artillerie zum Einschießen konnte durch den verwüsteten Wald nicht nahe genug herangebracht werden. So entbrannte ein äußerst blutiger Kampf um das zweihundert Meter lange Bollwerk. Völlig sinnlos opferten sich Hunderte Franzosen bei den vergeblichen Versuchen, es zu erstürmen.

Um 15.00 Uhr trat eine Kampfpause ein. Die Höhen, die Abhänge und das flache Tal waren, besonders um den Hougoumont und La Haie Sainte, von Tausenden toter und verwundeter Menschen und Pferde bedeckt. Die Kornfelder und Wege waren in einen zähen Brei aus Schlamm, Kot und Blut verwandelt. In dem warmen, stinkenden Brodem krochen oder schleppten sich gegenseitig die Verwundeten zu ihren Linien zurück. Die Verwundetentransporte waren bereits überlastet. Die Bergungsarbeiten gingen im Durcheinander zurückflutender und neu formierter Massen nur schleppend voran, und da sie den militärischen Ablauf störten, kamen sie folglich nur in den Randgebieten richtig zum Einsatz. Die Sonne wurde längst von einer tiefhängenden, grau-schwarzen Pulverdampf- und Rauchwolke verdunkelt, die sich weit über das Kampfgelände hinaus ausdehnte und die man noch im über sechzig Kilometer entfernten Antwerpen sehen konnte. Sogar der Schlachtenlärm war dort noch als entfernter Donner zu hören.
Für die Schwerverwundeten gab es wenig Hoffnung, denn ein durchorganisiertes und funktionierendes Sanitätswesen gab es noch nicht. Die Bergung der Verwundeten war dem Zufall überlassen, Antisepsis war unbekannt. Seit mehr als drei Stunden sägten und hackten die Feldscher in den rückwärtigen Stellungen nun schon zerfetztes, zerrissenes und verbranntes Fleisch und Knochen. Man amputierte, operierte und nähte im Akkord. Die ohnehin nur hohen Offizieren vorbehaltenen Narkotika gingen rasch zur Neige und Tausende Männer starben noch qualvoll unter den Messern und Sägen auf den Operationstischen. Eilig legte man die Verwundeten auf rohe Holztische und handelte schnell und brutal. Mit raschen Schnitten wurde die Haut gelöst, hochgerissen, das Fleisch eingeschnitten und mit der Säge die Knochen durchtrennt. Eine Amputation dauerte durchschnittlich nicht mehr als dreißig Sekunden. Der Wert eines Chirurgen wurde nicht an Sauberkeit und Perfektion gemessen, sondern an seiner Schnelligkeit. Die chirurgischen Bestecke wurden kaum gereinigt, weil man weder etwas von unterschiedlichen Blutgruppen wußte, noch von Antisepsis. Nach mehreren Patienten wurden die Operationstische, die aus festem, rohen Holz bestanden mit einem darüber ausgegossenen Eimer Wasser abgespült - sofern überhaupt derart langeTische und einigermaßen sauberes Wasser vorhanden waren - und der nächste Verwundete daraufgelegt. In der Kirche von Braine l'Alleud wurde ausschließlich auf dicht zusammengestellten Strohballen operiert. Als Krankensammelstelle und Feldlazarett der Engländer diente das 380 Meter hinter Wellingtons Front zurückgelegene große Gehöft Mont-St.-Jean. Die britischen Wundärzte standen dort in der großen Scheune des Gehöfts, in dem sie arbeiteten, in riesigen Blutlachen, die sich bis in den Hof ergossen. Jene, die das grausame Massaker auf den Operationstischen überlebten, wurden in den Nebengebäuden auf Stroh gebettet. Doch waren bald selbst die Flure und Ställe überfüllt, und man legte die frisch Operierten auf die Höfe - zwischen die neuen Verwundeten und die Berge Verstorbener. Dann kamen die Fliegen und legten ihre Eier in die Wunden und Verbände, die, sofern überhaupt, erst nach mehreren Tagen wieder begutachtet wurden. Noch Stunden, Tage und Wochen später starben die meisten Operierten an den Folgen der Infektionen. In die Totenlisten wurde dann "gestorben am Schwarzen Brand" eingetragen... Auf französischer Seite behandelte man die Verwundeten hauptsächlich unter freiem Himmel.
Aber während des Kampfgeschehens trug sich noch eine ganz andere Art von Grausamkeit zu: Kavalleristen, denen während ihres Angriffs ihr Pferd schwer verwundet oder getötet wurde, mußten dem Tier mit einem speziell zu diesem Zweck mitgeführten kleinen Beil einen Fuß abhacken, um somit dessen Verlust beweisen zu können. Konnte er den Verlust seines Pferdes nicht beweisen, mußte er es bezahlen. Aus diesem Grund waren in sämtliche Hufe individuelle Nummern eingeschlagen worden. So kauerten die Kavalleristen oft im dichtesten Kugelhagel noch einige Zeit neben ihrem Pferd, um einen günstigen Moment abzuwarten. Da sich alles das fast immer in Frontnähe ereignete, waren die Tiere oft noch gar nicht tot, als ihre Reiter ihnen ihre "Beweise" entrissen. Das Kampfgeschehen vereitelte den Kavalleristen in den meisten Fällen die Möglichkeit, ihrem Tier noch den Gnadenstoß zu geben. Den wenigen Pferden, die man von ihren Qualen erlöste, wurde mit der stumpfen Seite des kleinen Beils der Schädel eingeschlagen. Ein Gewehr zu laden und die Tiere zu erschießen, war zu umständlich und zu zeitaufwendig, Munition ohnehin knapp und außerdem angesichts der andauernden Kampfhandlungen auch viel zu gefährlich. Die Masse der verletzten Kreaturen starb elendig an ihren Verwundungen, verdurstete oder wurde von der nächsten Reiterlawine zu Tode getreten. Humanitäre Aspekte gab es schon seit dem ersten Schuß auf dem Schlachtfeld nicht mehr...