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Das Inferno
Der letzte Akt
Danach
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Das große Inferno 2

Um 15.30 Uhr wurde der Hougoumont mit Brandgranaten beschossen und stand Minuten später in hoch lodernden Flammen. Angriff auf Angriff wurde von den Verteidigern abgewehrt. Die unter dem beißenden Qualm und der sengenden Hitze leidenden noch rund zweitausend Soldaten verteidigten ihre Stellungen gegen eine Übermacht von mehr als 10.000 Soldaten, von denen im Verlauf des Kampfgeschehens 6.000 Männer fielen. Der ehrgeizige Bruder Napoléons, Jérôme, verrannte sich in seiner Aufgabe. Statt sich im Verlauf der aussichtslosen Kampfhandlungen einzugestehen, am großen Gutshof Hougoumont gescheitert zu sein, führte er hier den unsinnigen Kampf bis in die frühen Abendstunden.
Die Braunschweiger, durch zu starke Verluste gezwungen, sich aus dem brennenden Gehöft zurückzuziehen, verschanzten sich im angrenzenden Hohlweg. Gleichzeitig umliefen einige französische Sappeure im Schutz der starken, dunklen Rauchentwicklung das Gehöft, zerschlugen das Nord-Tor und drangen in den Innenhof ein. Die etwa einhundert Franzosen verwickelten die Verteidiger in einen mörderischen Nahkampf. Die Kämpfenden schossen, stachen und hackten mit aller Brutalität aufeinander ein, und das Ringen um den Hougoumont trat in eine für die Verteidiger kritische Phase. Doch wurde der Angriff von den aus dem angrenzenden Obstgarten zu Hilfe kommenden Schotten wieder abgeschlagen.

Nachdem die große Scheune des Hougoumont durch Brandgeschosse in Flammen aufgegangen war, wurde der Gutshof dennoch weiterhin standhaft gegen die immer wieder anstürmenden Franzosen verteidigt.

Zu dieser Zeit erhielt Marschall Ney vom Kaiser den Befehl, La Haie Sainte zu nehmen. Drouot verstärkte seine Kanonade. Mit teilweise freien, rußgeschwärzten, verbrannten Oberkörpern arbeiteten die schwitzenden Kanoniere am Rande ihrer physischen Leistungsfähigkeit. In weißen Wolken verdampfte das zum Kühlen auf die heißen Kanonenrohre geschüttete Wasser. Die immer neu formierten Truppen zogen gleichmäßig und stoisch gegen den Feind. Längst ging das Trommeln und Hörnerschmettern im ohrenbetäubenden Kampflärm unter. Graue, pulververschmierte Kolonnen quälten sich über die immer höher wachsenden Hügel ihrer verwundeten und gefallenen Kameraden, vorbei an schreienden, zuckenden Pferden, die sich, teilweise übereinander liegend, noch mit von Kanonenkugeln herausgerissenen Eingeweiden und auf zerschmetterten Beinen in ihrer wilden Todesangst immer wieder aufzurichten versuchten. Von den Hügeln herab strömten den Angreifenden Reiter ohne Pferde entgegen, in den Fäusten die zum Teil abgebrochenen Säbel und ein abgehackter Fuß ihres Pferdes, ihre Gesichter, Arme, Brust und Hosen vom eigenen oder dem Blut der Feinde und Pferde besudelt, die Stiefel bis über die Knie von Kot und Schlamm verschmiert. Zwischen den unentwegt hin- und her wogenden Soldatenmassen irrten Verwundete mit aufgerissenen Augen, flackerndem Blick und schmerzverzerrten Gesichtern, stolperten Verzweifelte, Fliehende, deren Uniformen nur noch in blutig-grauen Fetzen herunterhingen, über zerbrochene Wagenräder, verlorene Trommeln, Helme, Waffen und Kanonenkugeln - und über die durcheinander flutenden, zuckenden Massen heulten die ersten Raketenwaffen, die Congreven, die von den Engländern erstmals in einer Landschlacht eingesetzt wurden. Ihre Wirkung in den Reihen der Heranreitenden war im flachen Frontalbeschuß verheerend, ihre psychologische Wirkung durch das schrille Kreischen, das sie verursachten, traumatisierend. Die immer enger zusammendrängenden und mittlerweile fast völlig verschmutzten Truppen machten eine Erkennung zunehmend schwieriger. Infanteristen, die teilweise stundenlang im Feuer standen, waren dermaßen verdreckt, daß sie von ihren Gegnern kaum noch zu unterscheiden waren. Apathisch gingen sie vor, singend, fluchend oder stumm. Sie bissen ihre Papierpatronen auf, schütteten das Pulver in die langen Rohre, stießen mit dem Ladestock die daumendicken Kugeln nach, luden die Pulverpfannen, spannten die Hähne mit den Feuersteinen, legten an und feuerten. Wenn sie den Feind erreicht hatten, rammten sie ihm schreiend ihr Bajonett in den Bauch - weil Schreien eine instinktive Regung bei einem Angriff ist. Wenn das Bajonett steckengeblieben war, traten sie gegen den Unterleib des Gegners und zerrten es wieder heraus. Wenn es aber abbrach oder gänzlich steckenblieb und sich vom Gewehr gelöst hatte, kämpften sich die Soldaten, nur noch mit dem schweren Gewehrkolben um sich schlagend, dennoch tiefer in die gegnerischen Reihen - mit dem Mut der Verzweiflung. Nicht selten erstachen sich zwei gegnerische Soldaten gleichzeitig. Das Töten hatte seinen Höhepunkt erreicht.

Die französische Kavallerie attackierte gegenüber des Gehöfts La Haie Sainte ein vorgeschobenes britisches Karree. Dabei heulten englische Congreve-Raketen vom Mont-St.-Jean fast bis zur La-Belle-Alliance-Anhöhe hinüber. (Im Vordergrund rechts das Gehöft La Haie Sainte, am Horizont links das Gasthaus La Belle Alliance.)

Marschall Ney hatte gar nicht mehr an die Einnahme des Gehöfts La Haie Sainte gedacht, sondern ließ die Stellungen der Alliierten auf dem Mont-St.-Jean angreifen. Trotz eines brüllenden Infernos aus Kartätschenladungen und Schrappnell- Granaten, Kettenkugeln und Congreve-Raketen, das über die 6.000 französischen Kavalleristen hereinbrach, erklommen sie gegen 16.00 Uhr unaufhaltsam die Anhöhe zwischen La Haie Sainte und Hougoumont in Richtung des Hohlweges. Da inzwischen das noch vom Vortag feuchte Erdreich stellenweise zu einem bis zu einem halben Meter tiefen, zähen Brei zertreten war, konnten sich die 12 Reihen Pferde mit je 500 Reitern nur mühsam im leichten Trab vorwärts bewegen...

Um 16.30 Uhr drangen die Linien d'Erlons zum zweiten Mal in die Reihen der Verbündeten am Hohlweg ein, schossen und stachen alles nieder und erreichten erneut die Hochebene des Mont-St.-Jean. Doch da erhoben sich die vier bisher versteckten britischen Infanterie-Karrees aus den Kornfeldern und feuerten exerziermäßig auf die erschöpften Angreifer. Ein Melder General Barings traf zu dieser Zeit beim britischen Divisionsstab ein und bat dringend um Unterstützung für den La Haie Sainte. Die Gebäude standen längst in Flammen, und die gesandten Hilfstruppen erlitten auf dem kurzen Weg zum Gehöft schwerste Verluste.
Marschall Ney, der nach der Abdankung Napoléons in den Dienst des französischen Königs Ludwig XVIII. getreten war (wie viele andere Offiziere auch) und nach der Rückkehr des Kaisers auf Elba wieder zu diesem übergelaufen, kannte sehr gut die Konsequenzen, sollte diese Schlacht verlorengehen... Als er auf dem Mont-St.-Jean ankam, glaubte er, im zunehmenden Dämmerlicht und Dunst der dunklen Rauchschwaden, starke Rückzugbewegungen des Feindes auf den Soigne-Wald zu erkennen und traf folgenschwere Fehldispositionen. Der Marschall konnte nicht wissen, daß es sich um zurückflutende Verwundeten- und Gefangenenkolonnen handelte. Auch glaubte er, die meisten der insgesamt 184 britischen Geschütze niedergekämpft zu haben und war nun der Meinung, mit einem großen Massenangriff seiner Kavallerie-Regimenter endlich die gewünschte Entscheidung herbeiführen zu können...

Wenig später sammelten sich vor der Front, überwiegend zwischen La Haie Sainte und Hougoumont, riesige französische Reitermassen. Die französischen Reiter banden ihre Lanze an den rechten Stiefel, um mit dem rechten Arm auch noch den Säbel führen zu können. Wellington befahl schachbrettartige Aufstellung der Karrees in den Verteidigungsabschnitten und eisernen Widerstand. Außerdem beorderte er seine zwölf Reserve-Batterien und die Raketen-Batterie nach vorn.
Obgleich nun ein brüllendes Inferno aus Kartätschenladungen, Kettenkugeln und Congreve-Brandraketen auf die 5.000 Reiter hereinbrach, erklommen sie unaufhaltsam im langsamen Trab die schlammigen Abhänge in Richtung Hohlweg. Ihr erstes Ziel waren General von Altens Batterien, die schnell erobert wurden. Die bisher ständig abgeschlagenen Angriffe, die großen Verluste und übermenschlichen Strapazen schürten die Wut und den Haß der Franzosen auf ihre Gegner. Mit immer größerer Grausamkeit fielen sie über die Feinde her. Die Bedienungsmannschaften der hannoverschen Batterien wurden zur Abschreckung für andere Kanoniere regelrecht auf ihren Geschützen zerhackt. Welle auf Welle brauste bergauf. Die Pferde, die im aufgewühlten Morast der Äcker rutschten, sich drängten und traten, schrieen vor Angst und Schmerz. In langen Fäden lief der weiße Schaum aus ihren Mäulern, bedeckte ihre Brust und Flanken. Über jene, die stürzten, wälzten sich die nachfolgenden Massen. Reiter wurden nach Stürzen unter ihren verwundeten und sterbenden Tieren begraben, erstickten, wurden zu Tode getreten oder erdrückt. Über das ständig anwachsende Chaos kreischte konstant der Eisenhagel der vierzehn britischen Karrees. Ein grauenhafter Reigen umtobte Wellingtons Zentrum. Auf beiden Seiten verstummte während dieser höllischen Reiterattacke die Artillerie. Doch dann setzten sich die fünf Kavallerie-Brigaden Lord Uxbridges in Bewegung und rannten gegen die erschöpften Franzosen an. Die Reiterwellen flossen ineinander, übereinander - und wieder wurde der französische Kavallerie-Angriff abgeschlagen.

Die französische Kavallerie geriet bei ihren Attacken gegen die Front der Alliierten zwischen dem Gutshof Hougoumont und Wellingtons "Schlüsselposition", dem Gehöft La Haie Sainte mehrfach in derart starkes Querfeuer, daß sich, um den Kugeln auszuweichen, die Reihen der Reiter so dicht zur Mitte hin zusammendrängten, daß es Momente gab, in denen ihre Pferde durch den enormen Druck angehoben wurden und für kurze Zeit nicht mehr imstande waren, mit ihren Hufen den Erdboden zu erreichen...
(Im Mittelgrund des Bildes das stark umkämpfte Gehöft La Haie Sainte, dessen große Scheune in Flammen aufgegangen war. Vor dem Horizont die Pulverdampf-Wolken der französischen Artillerie.)

Im immer langsamer werdenden Kampfgeschehen trat eine weitere Pause ein. Die Soldaten, die seit neun Uhr morgens unter Waffen standen, waren erschöpft, müde, durstig und hungrig. Besonders auf der Seite der ständig die Anhöhe ansteigenden Franzosen machte sich die Müdigkeit bemerkbar, nur blieb auch ihnen zum Ausruhen keine Zeit. Auf beiden Seiten wurden die Truppen neu gesammelt und formiert, neue Munition ausgegeben. In und um die Gehöfte La Haie Sainte und Hougoumont wurde indessen erbittert und permanent weitergerungen.

Nachdem die Vorbereitungen zu neuen Kampfhandlungen abgeschlossen waren, versammelte sich die französische Kavallerie wieder auf der Anhöhe von La Belle Alliance. Kurz darauf jagten noch einmal, diesmal mehr als sechzig Schwadronen frischer Reiter, erneut auf die bereitstehenden Menschenburgen der Alliierten zu - und wieder empfing sie eine tosende Wand aus Eisen und Blei. Auf kürzeste Entfernung fraßen sich die Kanonenkugeln durch die Reihen der Heranstürmenden. Eine einzige Kugel konnte bis zu 21 Infanteristen durchschlagen. Berge von Reiter- und Pferdeleichen, von Verwundeten und Sterbenden bildeten bald vor den Reihen der Verbündeten ein fast unübersteigbares Hindernis. Vor Wellingtons Front lagen stellenweise bis zu sieben Männer übereinander, und die Reiter hatten größte Mühe, ihre Pferde über die stöhnenden und seufzenden Hügel zu zwingen. Doch die Mauern blitzender Bajonette wehrten auch diese Lawine der französischen Eisenreiter ab.
Östlich des La Haie Sainte hatten zwei Reitende Batterien der Franzosen Stellung bezogen und beschossen die britischen Truppen nun aus der Nähe. Im Akkord schaufelten die Kanoniere daumendicke eiserne Schrauben und Muttern in die Rohre ihrer Kanonen - Kartätschenladungen...
Das infernale Brüllen von Menschen und Tieren, das Kanonen- und Schützenfeuer gipfelte zu einem neuen Höhepunkt, bevor sich dann die britischen, deutschen und niederländischen Reiter in den Strudel der erschöpften gegnerischen Schwadronen stürzten und sie wieder den Hügel hinab trieben.