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Das Inferno
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Das große Inferno 3

Ab 17.15 Uhr begann Marschall Ney abermals, neue Reitermassen zu formieren. Dem "Tapfersten der Tapferen", wie Napoléon seinen treuen Vasallen nannte, war längst klar, daß es nicht mehr um Frankreich ging, sondern um das Leben - seines eigenen und das Hunderter Offiziere, die den König verraten und vor den Bourbonen Fahnenflucht begangen hatten. Diese Schlacht durfte nicht verloren werden, dann war auch ihr Leben verloren, und der Wert des Lebens wurde hier und an diesem Tag so deutlich wie nie zuvor - so oder so...
Die dritte, vierte und fünfte Attacke wurde geritten, und immer wieder wurden sie von den verbündeten Truppen auf dem Höhenzug von Mont-St.-Jean abgeschlagen. Die an diesem Tag im tiefen Schlamm mit so ungeheurer Todesverachtung gerittenen Massenangriffe blieben in der Kriegsgeschichte einmalig.

Nach nun bereits mehr als sechs Stunden anhaltender Kampfhandlungen wurde die Erschöpfung jetzt offensichtlich. War das beispiellos schnelle Kampfgeschehen bisher in den einzelnen Phasen unüberschaubar gewesen, so konzentrierten sich nun die Kämpfenden. Die immer langsamer hin und her flutenden Menschenmassen hatten sich gelichtet, die Fronten jedoch verhärtet...
Im westlichen Frontabschnitt wurde der Gutshof Hougoumont mit unverminderter Heftigkeit umkämpft. Ebenso verbissen rang man auch im Zentrum und um La Haie Sainte. Am östlichen Abschnitt, nahe des kleinen Dorfs Ohain und um das Gehöft Papelotte, entbrannten immer härtere Kämpfe. Wieder und wieder formierten sich die Angreifer und Verteidiger neu - und in breiten Strömen schleppten sich die blutigen Züge der Verwundeten zurück...

Bereits seit 14.00 Uhr wußte Napoléon vom Herannahen eines Korps Blüchers, doch war ihm die Truppenstärke - Bülows 15.000 Mann - noch nicht bekannt. Der Kaiser hatte keine Zeit zu verlieren, er mußte schnell mit Wellington fertig werden, um sich dann auf die Preußen zu werfen. Er hatte Neys Vorgehen und Versagen vom Hügel La Belle Alliance aus in allen Einzelheiten beobachtet und ließ den Marschall zu sich rufen.
Napoléon machte Ney keine Vorwürfe, sondern unterstellte seinem Befehl die gesamte Armee, einschließlich der Garde- Kavallerie - ein verhängnisvoller Fehler... Der Kaiser selbst behielt nur noch die Garde zu Fuß. Neys Auftrag: "La Haie Sainte nehmen, unter gar keinen Umständen darüber hinausgehen, sondern dort weitere Order abwarten...!"

 

Bis 17.30 Uhr bedrohten die französischen Truppen über die gesamte Frontbreite die Positionen der Alliierten, und Wellingtons Schlüsselposition, das Gehöft La Haie Sainte, war bereits von allen Seiten eingeschlossen und wurde von drei Pionier-Bataillonen stark bedrängt. Die Lage der im Anwesen befindlichen Soldaten der Kings German Legion des hannoverschen Majors Baring wurde auch infolge eines akuten Mangels an Munition immer hoffnungsloser, und in Plancenoit befand sich Napoléons Junge Garde bereits im Kampf gegen die ersten herangerückten Preußen...

 

Drouot begann mit einer neuen, noch größeren Kanonade - der bis dahin größten der Kriegsgeschichte. Das französische Gewehr- und Geschützfeuer aus der Gegend um La Haie Sainte und der schräg gegenüberliegenden Sandgrube dezimierte nun die Reihen der in Karrees vorgeschobenen Divisionen General von Altens, die immer wieder den brutalen Attacken Neys standhalten mußten. Das verbissene Massaker um das Gehöft wurde zu einem dicht gedrängten Durcheinander hauender, stechender, schießender und schreiender Soldatenmassen. Von Omptedas 8. Linienbataillon wurde von den französischen Lanzenreitern und Kürassieren gänzlich vernichtet. Im La Haie Sainte wurde die Lage der hannoverschen Verteidiger immer hoffnungsloser. Nun waren es drei französische Bataillone und eine Sappeur-Kompanie die den an mehreren Stellen brennenden Pachthof jetzt von allen Seiten bestürmten. Mit Bajonetten, Äxten und Dachziegeln schlugen die Eindringlinge auf die verzweifelten Verteidiger ein.
Kurz nach 18.00 Uhr war die Munition der Hannoveraner endgültig verschossen, die Stallungen und die Scheune von Verwundeten überfüllt, der Innenhof von Leichen bedeckt. Von den Mauern prasselte anhaltender französischer Geschoßhagel herab. Im Hof und sogar in den Gebäuden wurden die Nahkämpfe mit erbarmungsloser Härte geführt. Deutsche Truppen, die zur Verstärkung unterwegs waren, wurden draußen aufgerieben oder kamen nicht mehr durch. Von den mehr als 1.000 Soldaten, die sich am Morgen zur Verteidigung verschanzt hatten, sowie ihrer im Laufe des Tages 300 Männer der Verstärkung, zog sich Baring gegen 18.30 mit nur noch 43 völlig erschöpften, teilweise verwundeten Soldaten aus dem La Haie Sainte zurück ins Freie und konnte mit ihnen im fast undurchsichtigen Qualm den rettenden Hohlweg erreichen.
Als Marschall Ney kurz darauf über die Mauern des La Haie Saintes nach draußen blickte, glaubte er irrtümlich, das englische Zentrum sei nun endlich erschüttert. Zu groß war die Versuchung, alles wieder gut zu machen. Endlich wollte er zuschlagen und den Sieg erringen. Persönlich ritt er zu Milhaud, wollte von ihm eine Kavallerie-Brigade holen, um seinen Angriff fortzuführen.
Dann gab Ney dem Spitzenregiment ein Zeichen mit seinem Säbel und ritt voran. Doch statt einer einzigen Brigade folgte ihm Welle auf Welle - die gesamte französische Kavallerie. Wie eine breite Lawine wälzten sich vierzig Schwadronen in das flache Tal hinunter, wieder über die Leiber verwundeter und toter Soldaten und Pferde, in Richtung auf La Haie Sainte und Wellingtons Zentrum...

Ein weiteres Mal führte Marschall Michèl Ney (vorn, ohne Kopfbedeckung, Bildmitte) die neue Angriffswelle an. Durch ein Mißverständnis war ihm die gesamte französische Kavallerie gefolgt. Später sagte er über diese Situation: "Als ich mich umsah, glaubte ich zu träumen..."

Die Lage der Verteidiger der Mont-St.-Jean-Anhöhe wurde bedrohlich, und der 23-jährige niederländische Prinz von Oranien, in völliger Verkennung der Situation und sich Kritik verbittend, befahl Oberst von Ompteda einen Flankenstoß mit einem Bataillon seiner Kings German Legion auf die heranstürmenden Truppen bei La Haie Sainte auszuführen. Ompteda ritt an der Spitze seines nur noch zweihundert Mann starken 5. Linien-Bataillons und wurde sofort, wie dem Prinzen zuvor von ihm und General von Alten vorhergesagt, in der Flanke und im Rücken von Kellermanns Kürassieren angegriffen. Das Bataillon wurde komplett vernichtet, und von Ompteda fand bei dieser völlig sinnlosen Attacke den Tod. Nur sechs seiner Offiziere und achtzehn unverwundete Legionäre konnten von diesem kurzen Einsatz zurückkehren.

Als Marschall Ney auf dem Mont-St.-Jean die englischen Stellungen endlich erreichte, wurde ihm sein Irrtum bewußt - das britische Zentrum war keineswegs erschüttert. Bewegungslos hatten bisher die roten Soldaten im hohen Hafer gelegen, um sich vor den französischen Salven zu schützen. Nun erhoben sie sich, und ihr Infanteriefeuer wirkte in den Reihen der heranreitenden Reiter verheerend. Neys Pferd wurde unter ihm getötet, er bestieg das Tier eines Gefallenen und trabte mit dem Säbel in der Faust von Regiment zu Regiment.
Auf der anderen Seite des Hohlweges wälzte sich die Kavallerie Lords Uxbridge heran, die Dragoner Dörnbergs, die Braunschweiger Husaren, die holländischen Karabiniers Tripps und die Lanzenreiter Arenschilds. Die englischen Offiziere feuerten ihre Reiter an mit den Rufen:
"Auf die Kürassiere! Haut nach der Kehle! Stecht in die Achselhöhlen! Schlagt auf die Unterarme!"
Und in dem durcheinanderflutenden Mahlstrom wurden Milhauds Kürassiere schrecklich zusammengeschlagen. Die Reiter stießen und quetschten sich, die Pferde schrieen, aus nächster Nähe abgefeuerte Gewehr- und Pistolensalven zerrissen die Körper der Gegner. Auf die von ihren Pferden gefallenen und nun schwerfälligen Kürassiere prasselten die Säbelhiebe nieder, Köpfe wurden gespalten oder gänzlich abgeschlagen, die gestürzten Körper von den Hufen der panischen Tiere getreten. Dennoch gelang es den Franzosen, noch einmal den Hohlweg zu überqueren und bis an die englischen Batterien vorzudringen. Ney, noch immer an der Spitze, verlor bei dieser Attacke sein zweites Pferd, und er schwang sich auf ein in dem Chaos umherirrendes.
Wellingtons Karrees waren durch Drouots Artilleriebeschuß zwar stark erschüttert, blieben jedoch standhaft. So prägten Müdigkeit und Erschöpfung den eigenartigen Charakter der letzten Waterloo-Attacken. Einzelne französische Reiter oder kleine Gruppen umschlichen auf ihren völlig erschöpften Tieren die deutlich zusammengeschrumpften Menschenburgen der Verbündeten. Man kämpfte weiter, zwischen blutigen Bergen toter und verwundeter Körper - und noch immer erfüllte das betäubende Brüllen des Schlachtenlärms, vermischt mit dem Schreien der Soldaten und Pferde, die Luft. Die grauschwarzen, in den Lungen und Augen beißenden und stellenweise undurchsichtigen Schwaden verbrannten Schießpulvers hatten längst die bunten Uniformen der Kämpfenden mit einem grauen Schleier überzogen und ihre Gesichter geschwärzt.

Ney's Reiter-Massenattacke überquerte ein weiteres Mal den Hohlweg an einer seiner flachen Senken...

Der von starken Magenschmerzen gepeinigte französische Kaiser hatte die wahnwitzige, um eine Stunde zu früh geführte große Attacke Neys beobachtet. Er schickte seinem Marschall das eben neu formierte Kavallerie-Korps Kellermanns zu Hilfe. Doch konnte auch der zusätzliche Einsatz der schweren Reiterei die Situation an der Front der Alliierten nicht mehr verändern.
Nun war fast die gesamte französische Kavallerie geopfert, doch gelang es den Franzosen dennoch, nach einer Umgehung des Hohlwegs, plötzlich tief in den rechten Flügel der Verbündeten einzudringen. Wellingtons Reserve-Batterien eröffneten das Feuer. Ney, der inzwischen bereits sein viertes Pferd verloren hatte, lief einen Augenblick lang zwischen den englischen Geschützen umher. Das Durcheinander auf der Mont-St.-Jean-Anhöhe war chaotisch.
Drouot feuerte jetzt aus allen noch verbliebenen intakten und in drei Reihen gestaffelten Kanonen, deren vorderste Reihe direkt beim Gehöft La Haie Sainte stand. Der britische Major Lloyds aus von Altens Division bediente zu dieser Zeit, zusammen mit nur noch einem einzigen unverwundeten Kanonier, persönlich sein letztes brauchbares Geschütz. Gegen Ende feuerten nur noch fünf britisch-deutsche Batterien.
Wellington ließ indessen die immer wieder entstandenen Lücken in seinen Karrees schließen und erteilte den beiden Bataillonen Peine und Hildesheim den Befehl, vor dem Gehöft Mont-St.-Jean den endlosen Flüchtlingsstrom eigener Soldaten aufzuhalten. Gewaltsam wurden die erschöpft Flüchtenden mit Gewehrkolben und Bajonetten zu ihren Einheiten zurückgedrängt.

Um 19.00 Uhr, nach dem Verebben Neys großer Reiterflut, begab sich Napoléon in die vorderste Linie bei La Haie Sainte. Für ihn war noch nicht alles verloren, und auf der anderen Seite der Front sorgte man sich um den Ausgang der Schlacht. Wellington suchte indessen ständig den Horizont mit dem Fernrohr ab, in der Hoffnung Blüchers Truppen zu sehen und äußerte an Generalleutnant Lord Uxbridge gewandt:
"Ich wollte es würde Nacht, oder die Preußen kämen..."
Nacht sollte es sein, weil nachts nicht weitergekämpft wurde und Wellington somit Zeit gehabt hätte, sich zurückzuziehen oder seine Truppen neu zu ordnen - oder Blücher sollte kommen, um ihn in seiner stark bedrängten Lage zu verstärken... Zu dieser Zeit tobte allerdings im benachbarten Dorf Plancenoit, das hinter Napoléons rechtem Flügel lag, ein äußerst heftiger Kampf zwischen dem plötzlich angreifenden preußischen Korps Bülows und der verteidigenden französischen Jungen Garde. In wilden Nahkämpfen wurde Haus für Haus erstürmt, Zimmer für Zimmer erkämpft. Doch der Kaiser, der das blutgetränkte und verwüstete Land überblickte, war der Meinung, mit einem letzten Gewaltangriff den Ausgang des Feldzugs doch noch zu seinen Gunsten zu entscheiden. Er erkannte die großen Lücken in den feindlichen Linien, sah auf seinem rechten Flügel die Division Durutte im Vormarsch, und auf seinem linken Flügel wurde weiterhin um den Hougoumont gekämpft. Wellingtons Artillerie schien endgültig zu schweigen. Drouots Kanonen hingegen feuerten mit anscheinend unverminderter Stärke. Zwar waren Neys Reitermassen ausgezehrt und erschöpft und überwiegend verblutet, doch sollte nun noch ein letzter starker Stoß den gewünschten Erfolg bringen. Immerhin standen ihm - dem Kaiser - noch 7.000 frische Soldaten und neun Bataillone seiner bisher "unbesiegbaren" Garde zur Verfügung...

Nur einen knappen Kilometer hinter Napoléons rechtem Flügel tobten seit 16.20 Uhr im Dorf Plancenoit erbitterte Nahkämpfe zwischen den angreifenden preußischen Soldaten des IV. Korps Bülows und der verteidigenden Junge Garde Napoléons. Haus für Haus und Zimmer für Zimmer mußten blutig errungen werden - nach Ligny eine neue grausame Dimension eines Kampfes um eine Ortschaft...

Um kurz nach 18.00 Uhr erteilte Napoléon Oberst Morand den Befehl, mit dem 1. Grenadier- und Jägerbataillon der Jungen Grade die Preußen wieder aus Plancenoit zu werfen. Dann ließ der Kaiser seine Alte Garde antreten - 8 Bataillone von insgesamt 6.000 Männern. Ney sollte mit den ersten vier Bataillonen einen neuen Angriff unternehmen. Napoléon ließ alles, was noch einsatzfähig war, zusammenziehen, um noch einmal mit letzter Gewalt zu versuchen, seine Vormachtstellung durchzusetzen. Drouot erhielt Befehl, seine berittenen Batterien um La Haie Sainte zu doppeltem Feuer anzuspornen.
Um seine Truppen, die angesichts der sich den ganzen Tag vor ihren Augen abspielenden Katastrophe Aufstellung nahmen, neu zu motivieren, ließ er unter ihnen die Falschmeldung verbreiten, Grouchy würde mit seinen 33.000 Männern jeden Augenblick ankommen - und er deutete auf die dunklen Kolonnen der vorrückenden Preußen... Einen Moment später preßte er sich die Hände auf den schmerzenden Unterleib, und in gekrümmter Haltung rief er wütend:
"Wo ist Grouchy, verdammt nochmal, wo ist Grouchy? Warum folgt er nicht dem Ruf der Kanonen und kommt hierher zum Schlachtfeld...?"
Doch Marschall Grouchy sollte mit seinen 33.000 Soldaten das Schlachtfeld bei Waterloo niemals mehr erreichen. Er verwickelte lediglich eines der vier preußischen Korps bei Wavre in Kampfhandlungen...