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Vorgeschichte
Die Aufstellung
Das Inferno
Der letzte Akt
Danach
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Waterloo-Meeting
H.E.K.Creativ Verlag
Gaestebuch
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Der letzte Akt

Genau um 19.30 Uhr begann sich Napoléons neuer Soldatenstrom in der gesamten Breite der Front über das zuckende Schlachtfeld zu wälzen. 150 Männer des französischen Musik-Korps führten mit dumpfem, die Sinne betäubenden Trommelschlag und dem schrillen Pfeifen der Querflöten die ersten 3.000 Gardisten durch die flache Talsenke. Bis zum La Haie Sainte führte der Kaiser seine "Lieblingssoldaten" persönlich an. Dann stiegen sie soldatisch-stoisch, Schritt für Schritt über die Hügel ihrer im Dreck liegenden, blutigen Kameraden den Mont-St.-Jean westlich La Haie Sainte hinauf. Trotz einschlagender Granaten, heulender Kartätschensalven und pfeifender Kugeln rückten die "Unsterblichen", wie sie genannt wurden, vor - Männer, von denen viele für ihren Kaiser schon durch ganz Europa marschiert waren, selbst durchs ferne Rußland; Männer, die im Kampf noch niemals zuvor besiegt worden waren und von denen jeder in seinem Brotbeutel eine saubere Uniform für eine glorreiche Siegesparade am nächsten Tag in Brüssel bei sich trug...

Der Kampf der Nassauer beim Gehöft Papelotte.

Auf dem linken Flügel der Franzosen verebbte langsam der ergebnislose blutige Kampf um das Gehöft Hougoumont. Das unsinnige Ringen um den Eckpfeiler der britischen Front hatte Tausende das Leben gekostet. Das Hauptgebäude des großen Gutshofs war nach dem Großfeuer eingestürzt. Viele Soldaten waren unter den qualmenden Trümmern begraben oder an der gewaltigen Rauchentwicklung qualvoll erstickt. Die Stallungen und die große Scheune des Anwesens waren niedergebrannt, aus den Ruinen loderten immer noch die Flammen in den vom Qualm verdunkelten Himmel. Zu dieser Zeit erhielt Wellington die Nachricht, daß Blücher mit seiner Armee nicht mehr weit war...

Napoléons drei Garde-Bataillone erreichten den Hohlweg an der Schanze, an der auf breiter Fläche bis zu sieben Verwundete, Sterbende und Tote übereinander lagen. Phalangen mit sechzig Männern pro Reihe griffen mit gefällten Bajonetten Wellingtons Truppen an. Es kam zu heftigen Nahkämpfen, in deren Verlauf es den Gardisten gelang, tief in die Front der Alliierten einzudringen. Zehn Minuten später erreichten auch die nächsten vier Sturmbataillone mit weiteren 3.000 Gardisten die Anhöhe. Nahe des Ohain-Hohlwegs trieben nun Neys Sturmkolonnen einen breiten, tiefen Keil in die britische Front. Die Lage der Verbündeten war nun äußerst kritisch, denn immer mehr der bisher Widerstand bietenden Karrees lösten sich auf... Vergeblich versuchte der Prinz von Oranien, die Geschlagenen wieder vorwärts zu führen. Eine Gewehrkugel durchbohrte bei dieser Attacke seine Schulter.
Auf französischer Seite glaubte man bereits an den Sieg, doch in diesem Moment beobachtete Napoléon, daß an seinem rechten Flügel die Preußen von Ohain aus in mehreren Kolonnen heranrückten. Inzwischen waren aus Plancenoit die Reste der anderen acht Garde-Bataillone, jener der Jungen Garde, bei La Belle Alliance eingetroffen. Sie mußten nun einen weiten Rechtsschwenk vollziehen und in Karrees Front gegen die Preußen beziehen. Der belgische Generalleutnant Chassé erkannte die höchst brisante Situation gleichermaßen der Alliierten wie jener der Franzosen. Er leitete einen exakt geführten Flankenangriff gegen die Franzosen ein, und es gelang ihm, deren Phalangen auf dem Mont-St.-Jean zu zerschlagen.
Da erscholl der Ruf:
"Stand up, Guards!"
Gleichzeitig erhoben sich 1.500 Garde-Infanteristen des Generalmajors Maitland, die bisher als Reserve im Korn gelegen hatten, und feuerten exerziermäßig auf die Franzosen. Der Angriffsschwung der Alten Garde wurde gestoppt. Nun erfolgte auch noch eine Attacke des Oberst Sir Colborne mit seiner 52. Leichten Infanterie-Brigade, die Napoléons Gardisten in der anderen Flanke angriff.
Dieses war der Moment, da Wellington seinen großen Zweispitz vom Kopf nahm und mit einem dreimaligen Vorwärtsbewegen das Zeichen zum Generalangriff seiner Truppen gab. Überall ertönte plötzlich entlang der englischen Stellungen der Ruf "go on!".
Dudelsäcke begannen zu plärren, Trommeln dröhnten. Mit einer auffälligen, weithin sichtbaren Geste schwenkte Wellington seinen großen Hut - das Signal zum Gegenangriff. Der Stoß der Alliierten wurde gleichzeitig, geschlossen und mit Vehemenz geführt. Mit gesenkten Bajonetten marschierten die roten Linien der Briten gegen die achtzehnte an diesem Tag geführte Angriffswelle der Franzosen an. Noch einmal warf sich Ney mit einigen wenigen Kompanien auf die Bataillone Steinmetz', doch ritten nun die 5. Brandenburger Dragoner und die Kavallerie Röders an. Gleichzeitig brachen auf Napoléons rechtem Flügel die ersten Trupps preußischer Soldaten aus dem nahen Gehölz. Die letzte französische Angriffswelle kam ins Wanken, der Kaiser hörte die alarmierenden Schreckensrufe seiner Männer:
"Wir sind betrogen! Alles ist verloren! Rette sich, wer kann!"
Unter den Zurückflutenden brach Panik aus. Die sich drängenden, im Schlamm rutschenden Soldaten schlugen aufeinander ein, stürzten übereinander. Marschall Ney, der inzwischen sein fünftes Pferd verloren hatte, taumelte durch die ungeordneten Reihen seiner fliehenden Soldaten, versuchte immer wieder kleine Gruppen zu einem neuen Angriff zu bewegen. Seine Augen waren von den übermenschlichen Anstrengungen blutunterlaufen, das Gesicht rußgeschwärzt, die teilweise verbrannte, dunkelblaue Uniform zerfetzt, der rechte Ärmel von einem Säbelhieb von der Schulter bis unten aufgeschlitzt, die goldenen Verschnürungen hingen losgerissen herunter, eine Kugel hatte ihm eine Epaulette auf der Schulter durchtrennt, seine ehemals weiße Rehlederhose war vom Blut der fünf unter ihm getöteten Pferde verschmiert, die hohen Stiefel voller Dreck und Kot. Mit dem Stumpf seines zerbrochenen Säbels schlug er wie wahnsinnig auf die britischen Kanonenrohre ein. Hysterisch und unmenschlich klang seine Stimme, mit der er den ganzen Tag Befehle herausgeschrieen hatte. Er wußte, daß sein Schicksal nun besiegelt war:
"Folgt mir, Männer! Kommt mit, ich will euch zeigen, wie ein französischer Marschall stirbt!"
Als er in dem durcheinander flutenden Chaos d'Erlon erblickte, brüllte er ihn an:
"Erlon, wenn wir beide davonkommen, dann werden wir aufgehängt!"

Die Truppen der Verbündeten rückten ab 20.15 Uhr gegen die beiden letzten französischen Garde-Bataillone vor... Doch so wenige Verwundete und Tote, wie es die damaligen Bildenden Künstler auf ihren in Auftrag bekommenen Gemälden immer wieder darstellen sollten, um nicht andere Soldaten vor weiteren Kriegen abzuschrecken, gab es durchaus nicht. In Wahrheit lagen ganze Hügel toter und verwundeter Menschen und Pferde auf der Kampfstätte...

Napoléon versuchte, die Reste seiner noch vor weniger als neun Stunden so grandiosen Armee zusammenzuziehen. Drei Bataillone der Garde und ein Bataillon der 3. Grenadiere formierten sich zur vier Karrees, jedes bestehend aus weniger als 500 Soldaten, die schweigend und langsam ihre Waffen luden, abfeuerten und dabei unaufhaltsam rückwärts gehend, die dunklen Bärenfellmützen auf dem Kopf, vom Mont-St.-Jean zurückwichen. Von allen Seiten wurden sie vom nachfolgenden Feind bedrängt.

 

In Anbetracht der sich nähernden Preußen erteilte Napoléon um 19.30 Uhr seiner Garde den Befehl zum Vormarsch. Doch zu dieser Zeit fielen Blüchers immer stärker vorrückende Truppen bereits in die rechte Flanke der Franzosen...

 

Für einige Zeit hatte der Kaiser in der Mitte eines der letzten Karrees Schutz gesucht. Als er erkannte, daß auch dieses Karree immer weiter dezimiert wurde, verließ er es in einem günstigen Augenblick und kehrte mit Soult, Jérôme, Drouot und La Bédoyére nach La Belle Alliance zurück - wo er dennoch nicht mehr lange verweilen konnte...

Für einige Zeit hatte der Kaiser in der Mitte eines der letzten Karrees Schutz gesucht. Als er erkannte, daß auch dieses Karree immer weiter dezimiert wurde, verließ er es in einem günstigen Augenblick und kehrte mit Soult, Jérôme, Drouot und La Bédoyére nach La Belle Alliance zurück - wo er dennoch nicht mehr lange verweilen konnte... Als die erschöpften französischen Soldaten rückwärts gehend den Hügel bei La Belle Alliance anstiegen, waren von den vier Karrees nur noch die Reste eines Bataillons übrig, das General Cambronne von der Mitte aus leitete. Es waren nicht einmal mehr einhundert Männer, die sich nach diesem Leidensweg stumm aneinanderdrängten und sich zwischen den unübersteigbar gewordenen Leichenhügeln nicht mehr weiterbewegen konnten. Hier erstarrte die bisher blutigste Schlacht der Weltgeschichte in Bewegungslosigkeit.
Eine Reitende Batterie der Engländer war herangeholt worden, und General Halkett rief die letzten, im Grunde längst besiegten, französischen Gardisten auf, sich zu ergeben. Und Cambronnes Antwort aus diesem elenden Haufen entmutigter, entnervter und erschöpfter Menschen war ein animalischer Aufschrei, in dem sich alle Grausamkeit und alles Elend dieses Tages offenbarte:
"Scheiße!"
Und nie vorher und niemals später wurde der Wahnsinn eines Krieges treffender und prägnanter mit einem einzigen Wort formuliert, herausgeschrieen. Dieses zusammengeschlagene Bündel Erschöpfter, das alles Menschenmögliche und Unmenschliche geleistet hatte, das auf dieser Welt nur denkbar war, stand taumelnd und in unermeßlicher Resignation erschöpft aneinandergelehnt, die zerfetzten Reste ihrer "heiligen" Standarte haltend, blutbesudelt und mit Tränen in den Augen. Diese Elenden erwarteten auf den Leibern ihrer toten Kameraden stehend das Ende einer großen, umwälzenden Epoche, die sie mitgeprägt, geformt und ermöglicht hatten. Der Grundgedanke war einst edel: Alle Menschen sind gleich, alle Menschen sind frei, alle haben eine unantastbare Würde und alle sind Brüder. Doch das, was sie jetzt, in diesem Augenblick noch besaßen, war weder Freiheit, noch Menschlichkeit, noch Brüderlichkeit - sie waren lediglich in ihrem schrecklichen Leiden gleich... Ihrem Adler waren die Flügel brutal und endgültig gebrochen.
Halkett ließ die Geschütze aus nur kurzer Distanz abfeuern. Die Kartätschenladungen zerfetzten brutal die ersten Reihen der letzten militanten Träger napoléonischer Ideologien. Cambronne wurde von einem Kartätschensplitter im Gesicht getroffen, dennoch blieb er standhaft. Halkett ritt mutig zwischen die noch immer feuernden letzten Gardisten und zog Cambronne an den Verschnürungen seiner Uniform aus dem zusammengeschrumpften Rest seines Karrees...
Doch noch bevor dieses letzte Karree endgültig aufgelöst worden war, hatten sich Wellington und Blücher beim Gasthof La Belle Alliance getroffen und sich die Hände gereicht. Das größte Gemetzel aller Zeiten war endlich vorbei. Es war 21.15 Uhr.

Die Schlacke einer ehemals grandiosen Epoche: Leichen bis zum Horizont. Die Bilanz der Schlacht bei Waterloo betrug rund 50.000 getötete Menschen und 11.000 getötete Pferde. Die Verlustzahlen an verwundeten und vermißten Soldaten differiert von 65.000 bis 77.000...