Prolog
Vorgeschichte
Die Aufstellung
Das Inferno
Der letzte Akt
Danach
Hostellerie
   Sehenswuerdigkeiten
Waterloo-Meeting
H.E.K.Creativ Verlag
Gaestebuch
Impressum

Danach

Die Nacht war wolkenlos und klar. Das fahle Licht des Mondes beleuchtete eine grauenhafte Szenerie. Röcheln und Stöhnen erfüllte den weiten Raum des kilometerlangen Schlachtfeldes. Aus den bis zu drei Meter hohen Leichenbergen ragten Wagendeichseln, Kanonenrohre, Gewehre mit Bajonetten, Säbel und die teilweise noch zuckenden Arme und Beine Sterbender. Pferde mit zerschmetterten Beinen lagen mit weit aufgerissenen, überdrehten Augen und vor Durst und Schmerz heraushängenden Zungen nebeneinander, übereinander und stellenweise noch vor die Protzen und Wagen gespannt. Dazwischen lagen in Lachen aus Erbrochenem, Blut, Kot und Urin die Schwerverwundeten. Abgerissene Arme, Beine und abgeschlagene Köpfe lagen zwischen kaputten Trommeln und verbeulten Helmen, zwischen zersplitterten Bäumen und Trümmern. Aus zerschlagenen Schädeln quoll blutiges Hirn, die Gedärme von Kanonenkugeln zerfetzter Soldaten lagen in langen Windungen im Schlamm der zerquetschten Äcker. Alles, was einst unter Schmerzen und voller Hoffnungen die Schöße Tausender Mütter hervorgebracht hatten...
An rußgeschwärzten Mauerruinen lehnten Schwerverwundete, die verzweifelt ihre herausquellenden Eingeweide in den Händen hielten oder in ihre blutigen ledernen Tschakos stopften. An ihnen gingen die Bergungsmannschaften vorüber, für sie gab es keine Chance mehr. Jene, die noch dazu fähig waren, erwürgten sich gegenseitig oder stießen sich ihre Bajonette in den Leib. Die, die noch hofften und durch das Kaleidoskop des sie umgebenden Horrors sahen, interessierten sich nicht mehr für patriotische Ideologien. Sie hatten nur noch den Wunsch, nicht auch in diesem stinkenden, morastigen Feld der Ehre zu versickern.
Und durch diese warme, nach Blut und Kot riechende, vom Mondlicht bläulich-weiß beschienene Hölle huschten die Menschen der Umgebung, deren Existenz an diesem vergangenen, grauenhaften Sonntag in den Schlamm getreten wurde und die in all den sozialen Schwierigkeiten ihrer Zeit überleben wollten. Ihre Obstgärten waren in den Biwakfeuern verheizt oder von Kugeln zerrissen. Das am Vortage noch mannshoch wogende, fast reife Getreide war niedergestampft, zerquetscht oder verbrannt. Ihre Ernte und die Saat für neue Ernten waren für viele Jahre vernichtet, ihre Gehöfte zerstört, ihre Häuser von Soldaten überfüllt, ihre Lebensmittel und ihr Vieh zur Verpflegung der Soldaten requiriert. Diese Individuen stiegen in dieser Nacht hinab in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. Als Plünderer und Leichenfledderer zerrten sie den Verwundeten, Sterbenden und Toten die noch brauchbare Kleidung von den Körpern und brachen ihnen die Schneidezähne aus, für die es damals von den Dentisten zur Herstellung von künstlichen Gebissen viel Geld gab. Man konnte alles gebrauchen. Ausrüstungsgegenstände, Waffen und Geld wurde gestohlen, eilig Finger abgeschnitten, um sich der Ringe zu bemächtigen. Fleischer zertrennten Pferdeleiber, und ganze Wagenladungen mit geraubtem Material rollten in dieser Nacht vom Schlachtfeld. Das Militär konnte so schnell keine Ordnung in das über viele Kilometer reichende, unüberschaubare, grauenerregende Chaos bringen, das nach verbranntem Salpeter, Blut, Kot, Erbrochenem und Schweiß stank...

Die Verwundetentransporte fuhren während der ganzen Nacht über das große Terrain, den nächsten Tag und den übernächsten und noch weitere Tage. Noch eine Woche später fand man im Soinge-Wald Schwerverwundete, die sich aus der Sonnenglut, die auf dem Schlachtfeld herrschte, bis in den schützenden Schatten geschleppt hatten... Doch man trug die Hoffenden lediglich von einem zum nächsten Ort. Die Gehöfte und Häuser der Umgebung waren längst überfüllt. In Waterloo, Braine L'Alleud, Ohain und Mont-St.-Jean hatte man die Verwundeten, gleich welcher Nation sie angehörten, nebeneinander auf die Straßen gelegt. Das Schreien der Soldaten unter den Messern und Sägen der Chirurgen verstummte noch lange nicht. Wurden die Extremitäten nach den Amputationen "brandig", versuchte man, sie noch weiter zu amputieren... In den Innenhöfen vieler Anwesen häuften sich abgesägte Arme und Beine. Viele Männer starben noch Tage, Wochen und Monate später an den Folgen eines äußerst unzulänglichen Sanitäts- und Medizinwesens.

Napoléon, das Genie, der Tyrann, der Dämon, der das Inferno auf diesen Äckern inszeniert hatte, war längst vom Ort des Grauens, vom Ort seines Untergangs geflohen. Es hatte ihm immer widerstrebt, nach einer Schlacht das "Feld der Ehre" noch einmal zu betreten. Er mied den Anblick dieser zerquetschten Masse ehemals menschlicher Existenz...


Auch in Plancenoit, in dem der Krieg noch nicht einmal vor dem Friedhof haltgemacht hatte, nahm sich die Bevölkerung der Verwundeten und Leichen an...

Manche Mütter, Väter, Frauen, Kinder, Brüder oder Schwestern warteten noch monatelang auf ein Lebenszeichen ihres Liebsten, der damals freiwillig und den Idealen folgend in den Krieg gezogen war, oder unfreiwillig und der sozialen Not gehorchend hatte antreten müssen, oder der (so in der letzten Zeit des Kaiserreiches) mit Gewalt und in Ketten vom Hof der Eltern zum Dienst in die Reihen des Massenheeres gezwungen wurde. Viele Familien erfuhren nie, wo der Junge oder der Mann geblieben war. Das Chaos bei Waterloo und die verwirrenden Begleitumstände waren viel zu groß und der Analphabetismus weit verbreitet. Mancher hatte niemals von Waterloo gehört.
In den Tagen nach der Schlacht räumte man in fieberhafter Eile das Feld des Todes auf, in das Schwärme von Krähen einfielen. Die in der Sonne faulenden und aufgedunsenen Leichen mußten so schnell wie möglich beerdigt werden, wollte man Epidemien vermeiden. Man begrub und verscharrte die nackten Leichname meistens zu mehreren in den Gräbern. Mit Pferdegespannen zog man die toten Körper der Menschen und Tiere in großen Bündeln zu den Bestattungsplätzen. Nahe der Kreuzung der Brüssler Chaussee und des Ohain-Hohlwegs wuchsen riesige Leichenberge, die in der großen zu einem Massengrab genutzten Sandgrube bestattet wurden. Zum Teil überschüttete man die Leichen auch nur schnell und notdürftig mit etwas Erde, denn der Sommer begann früh 1815...


Die große Sandgrube schräg gegenüber des Gehöfts La Haie Sainte diente als Massengrab für mehr als 4.000 Soldaten und ebenso viele Pferde. Weitere Not-Bestattungen einzelner oder mehrerer Soldaten und Pferde wurden überall längs der Straßen und Wege vorgenommen.

Seit Waterloo wurden im Buch der Weltgeschichte viele Seiten weitergeschrieben, und immer wieder gab es Historiker, die versuchten, den schrecklichen Geschehnissen von damals einen heldenhaften Anstrich zu geben, im Laufe der Zeit neue Glorie um die alten Ruinen ranken zu lassen. Um irgendwann wieder neue Massen durch patriotisches Gepränge zu neuem Wahnsinn zu bewegen, machte man aus den Streitern verehrungswürdige Helden und legte ihnen heroische Worte in den Mund, die sie nie gesprochen hatten. Zum Beispiel sollte Cambronne, nach Halketts Aufruf, sich zu ergeben, gerufen haben, "die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht!"... Eine Vielzahl zu "Heldenaussagen" und verklärten "Zitaten" legen Zeugnis ab von Zeiten der Unaufgeklärtheit und dem Mißbrauchs der Menschen. So steht auf dem Gedenkstein der französischen Soldaten im Obstgarten des Gutshofs Hougoumont ein den Diktaten Napoléons von St. Helena entnommener Satz:
"Die Erde schien stolz, so viele tapfere Helden zu enthalten."
Eine derartige Gesinnung ließ das Musikkorps der Sieger noch am Abend des 18. Juni vor dem Wirtshaus La Belle Alliance zwischen Tausender Toter und Verwundeter "God save the King" spielen. Dennoch, die vaterländische Ehre begann von nun an überall eine blutige Patina zu bekommen. Der Glanz nationaler Pracht war vorbei - die Weltgeschichte hat es längst bewiesen. Und wenn man heute unter den letzten großen, dicken und uralten Maronen-Bäumen des Hougoumonts steht, zu ihren Wipfeln emporblickt und im Stamm die unzähligen Einschußlöcher sieht, die in fast zwei Jahrhunderten hinaufwuchsen, sollte man sich darüber im Klaren sein, daß wir jener Zeit des Umbruchs und Aufbruchs und des Beginns der Aufklärung - auch durch diese schreckliche Schlacht - viel zu verdanken haben.
In den Jahrzehnten nach 1815 gaben die Felder zwischen La Belle Alliance und Mont-St.-Jean und von Ohain bis Hougoumont immer wieder Einblick in das Grauen jenes denkwürdigen Tages. Die immer tiefer schürfenden Pflüge der Bauern stoßen noch heute Waffen und Gebeine ans Licht derselben Sonne, die damals die Dürstenden peinigte. Man fand im Laufe der Zeit immer mehr stumme Zeugen einer für uns heute fast unvorstellbar grausamen Realität...
Im Sommer 1985 spülten bei einem heftigen Gewitter gewaltige Regenmassen an einem Hang nahe des Gehöfts Papelotte drei Skelette frei. An den Uniformknöpfen konnte man sie als ehemalige deutsche Infanteristen identifizieren. Ihre Zähne gaben Aufschluß über ihr damaliges Alter: Keiner war älter als zwanzig Jahre. Und zwischen ihren Knochen fand man zwei Eimer voll daumendicker, rostiger Schrauben und Muttern - französische Kartätschenladungen...

Als der Herzog von Wellington am Abend nach der großen Schlacht vom Gasthaus La Belle Alliance zu seinem Hauptquartier, der Poststation in Waterloo, zurückkehrte und über das zuckende und seufzende Schlachtfeld ritt, rannen ihm die ganze Zeit über Tränen über die Wangen. Zu seinem Adjutanten sagte er danach:
"Außer einer verlorenen Schlacht ist eine gewonnene Schlacht, das Traurigste, das es gibt..."

Aber viel schlimmer noch als das Drama von Waterloo und viel schlimmer als alle weiteren, noch komplexeren Kriege ist die Tatsache, daß das Völkermorden bis heute noch immer nicht zu Ende ist...

Helmut Konrad von Keusgen

 

 

 

 

 

 
     
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